MUSE IM STADE DE SUISSE AM 2. JUNI 2010 Bericht, www.bernerzeitung.ch, vom 3. Juni 2010: Ohrstöpsel zwecklos: Die britische Rockband Muse startete gestern Abend in Bern vor 35'000 Zuschauern ihre Welttournee. Sie tat es mit pompöser Show, pathetischem Lärm und voller Wucht. Am Mittwochabend startete die Band «Muse» im Berner Stade de Suisse ihre Konzerttournee. Vor dem Stadion herrschte bereits um 16 Uhr Hochbetrieb. Antifaschistischer Abendspaziergang im Stade de Suisse! Wirklich? Alles nur Lüge, natürlich. Die 70 vermummten, mit Fackeln und Transparenten bewaffneten Demonstranten, welche kurz vor halb neun Uhr die Bühne des Stade de Suisse entern und zum Widerstand aufrufen, sind Berner Statisten, welche am Montag kurzfristig für diese Einlage rekrutiert wurden. Sie sollen einstimmen auf das, was noch kommt. Wenig später nämlich eröffnen Muse ihre Berner Show und damit ihre Tournee durch die grössten Stadien der Welt mit dem Protestsong «Uprising» (deutsch: Aufstand). Ein Aufstand im Kommerztempel? Im Millionen-Dollar-Showbiz? Vor einer Band, deren Gitarrist im silbrigen Anzug und mit Doppelhalsgitarre loslegt? Ziemlich unpunk. Und trotzdem mehr als ein schlechter Witz. Dass eine Band wie Muse überhaupt an einem solchen Ort, in einem solchen Rahmen auftritt, hat etwas Subversives. Immerhin schaffen es die drei Briten, mit Musik, welche fürs Tagesprogramm Deutschschweizer Radios zu brachial und sperrig und durchgeknallt ist, an die 35'000 Fans anzulocken. Nicht schlecht für eine Band ohne zählbaren Hit, nicht schlecht für eine Band, die in 15 Jahren keine Kompromisse gemacht hat. Bühne wie ein Wohnhaus Und so stehen Sänger, Gitarrist und Songschreiber Matthew Bellamy, Bassist Christopher Wolstenholme und Schlagzeuger Dominic Howard auf, nein unter einem blinkenden und dampfenden Monstrum von Bühne. Ein Sechsfamilienhaus von Westside-Architekt Daniel Libeskind könnte es sein, dieses Ungetüm mit spitzen Winkeln und fallenden Linien, das mit knapp 40 Sattelschleppern angekarrt wurde und dessen Aufbau während einer Woche 140 Fachkräfte absorbierte. Allzu dicht bevölkert ist diese Bühne allerdings nicht. Bloss ein Teilzeitmitarbeiter unterstützt das Trio bisweilen. Ansonsten: keine Bläser, keine Hintergrundsängerinnen, keine zweiten und dritten Gitarristen weit und breit. Auch hier foutieren sich Muse also um branchenübliche Gepflogenheiten. Aber wohl hätte zusätzliches Musizierpersonal zum 35'000-fachen Gehörsturz geführt. Verblüffend, was für einen Krach dreieinhalb Männer mit Hilfe von etwas viel Technik machen können. An diesem knapp zweistündigen Konzertabend ritzt dieser allerdings nicht selten die Schmerzgrenze. Seltsame Songbastarde Dadurch bleibt zwar gar manche Feinheit auf der Strecke, nicht aber die barocke Eleganz dieser seltsamen Songbastarde. Unerbittlich fräst sich der musesche Klangkosmos aus Pomp, Pathos und Progrock ins Gehirn. Trotz einigen flaueren Momenten zu Beginn haben Muse ihre Kundschaft bei Bedarf fix im Sack. Bandklassiker wie «Starlight», «Time Is Running Out» oder «Plug In Baby» verwandeln das Publikum in 35'000 hüpfende und klatschende Glückskinder. Widerstand ist zwecklos, Ohrstöpsel sowieso. Die Demonstranten hatten trotz Überzahl keine Chance. (Berner Zeitung)
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